Monatsarchiv: Mai 2015

Authentisch sein. Immer!

Ein Workshop wie viele. Routine. Schon zig mal gemacht. Und doch ist diesmal alles anders.

Ich bekomme es nicht mit; es ist wie immer. Ich habe mich mit den Sponsoren getroffen; Erwartungen und Ziele abgestimmt. Zu Beginn des Workshops habe ich Arbeitsvereinbarungen aufgesetzt und mit den Teilnehmern die Agenda gebildet. Alles ist gut. Ich bin da. 

Oder doch nicht? Zur Hälfte des ersten Tages bricht alles zusammen. Der Workshop eskaliert in einem Konflikt zweier Teilnehmerinnen in dessen Ende eine von ihnen den Raum verlässt. 

Mühselig versuche ich mit der Situation umzugehen, mit der Gruppe zu klären, wie es jetzt weitergehen soll. Betretendes schweigen…und die Erwartung, dass ich den Konflikt für die Gruppe kläre. 

Mein Rollenkonflikt: ich sehe mich als Moderator, oder besser Facilitator, gebe der Gruppe Raum für ihre Themen. Einer aus der Gruppe sieht mich eher als Workshop-Eigner und mich in der Rolle, dafür zu sorgen dass alle teilnehmen können. Dem wollte ich nicht nachkommen, bat um Akzeptanz für meine Sicht der Rolle. Stritt mich sogar mit ihm. Fühlte sich nicht gut an. 

Nach etwas Diskussion klärten wir, dass jemand aus der Gruppe die entlaufende Person versucht zurückzuholen und wir den Rest des Tages mit Konfliktbenennung verbringen – offensichtlich lagen zahlreiche Konflikte in der Luft, wurden aber nicht angesprochen. Die Kultur war eher von Verdrängung und aus-dem-Weg-gehen geprägt. Sehr zäh benannten wir ein paar Konflikte, bewegten uns aber nicht wirklich weit dabei. Am Ende des Tages blieb ein mulmiges Gefühl, dass zwar schon etwas passiert, aber der wahre Kern nicht erreicht sei. Ich machte klar, dass wir hier eigentlich eine Mediation brauchen und ich unsicher bin, ob wir den Workshop so weitermachen können. 

Der zweite Tag ging genauso stürmisch los, wie der erste aufhörte. Nach kurzer Zeit waren wir wieder in einem heftigen Konflikt, den die Gruppe durch ignorieren lösen wollte, um für den Rest des Tages an den Sachthemen zu arbeiten. Bevor ich dem zustimmen konnte, sprach ich mit den beiden Konfliktparteien, um heraus zu bekommen, was sie jeweils brauchen um unter diesen Bedingungen teilnehmen zu können. Unter Tränen schütteten sie mir ihre Gefühle aus und schilderten, was sie so verletzt hat. Von beiden bekam ich schließlich das „okay“ mit dem Workshop inhaltlich weiterzumachen und ich ging darauf ein. Meine Bedingung war jedoch, dass der Workshop vorbei ist, sobald wir wieder in einem Konflikt landen. Ich würde dann eine Mediation empfehlen. Wider erwartend konnten wir den Workshop über die Sachthemen durchführen und am Ende sogar Ergebnisse erzielen, die alle Parteien als erfolgreich ansahen. 

Seit diesen zwei Tagen ärgere ich mich über meine Reaktion zur Hälfte von Tag eins. Ich war unzufrieden damit, wie ich den Wechsel von einer Moderation in eine Konfliktklärung bewältigt habe. Ich war unzufrieden mit meiner Rollendefinition und mit mir. Hatte schließlich Zweifel, ob ich den Erwartungen gerecht geworden bin. War ich wirklich „ich“ in der Situation?

Glücklicher Weise haben wir genau für solche Fälle ein Forum bei it-agile: die Moderations-CoP (Community of Practice). Hier treffen sich regelmäßig interessierte Moderatoren von uns um voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu helfen. Und so war es diese Woche, dass mir zwei Kolleginnen sehr direkt helfen konnten: indem sie mir ihre Außensicht spiegelten und einen einfachen Ratschlag gaben. 

Zuerst bekam ich dass Feedback, dass es unglaublich schwer ist in solch einem Fall ist, nicht in den Konflikt zu gehen und es toll war, dass ich das auch nicht tat. Die initiale Reaktion ist häufig, zu versuchen die Situation zu retten und eine Lösung zu finden. Meine Rekation, wie sie auch von den Kolleginnen geteilt wurde, dies in der Gruppe zu belassen ist gleichzeitig schwer und lehrreich. Schwer, weil sie der natürlichen Reaktion widerspricht, sich um Probleme zu kümmern und Lösungen zu finden. Lehrreich, weil ich nicht das Problem der Gruppe löse, sondern sie selbst in der Verantwortung bleibt, ihren Konflikt zu lösen.

Das zweite Feedback war allerdings das mächtigere. Eine Kollegin merkte an, dass es doch sehr überraschend sei, auf solch einen Konflikt zu stoßen. Sie hätte das zunächst einmal mit den Teilnehmern geteilt und ihr Gefühl in der Situation geteilt. „Wir wollen hier einen Workshop machen und auf einmal ist da dieser Konflikt – ich bin überrascht auf ihn zu stoßen und verunsichert, wie wir weitermachen sollen damit“. Ob ich diese Reaktion nachvollziehen könnte?

Ich bejahte das – in den Vorgesprächen war von Konflikten nie die Rede – und ich spürte was mit mir passiert war: ich war nicht mehr ich selbst. Ich hatte mich stattdessen in den Einflussbereich der Teilnehmer begeben und Teile ihres Verhaltens angenommen. Ich war nicht in der Lage zu teilen, was bei mir passiert, nicht mehr authentisch. Statt dessen hatte ich versucht zu funktionieren und mich zu beweisen. Ich wollte den Workshop erfolgreich durchführen – und dabei vergaß ich mich selbst und meine authentische Rolle als jemand, der einer Gruppe hilft, erfolgreich zu werden, indem ich voll da bin und mich als ganze Person einbringe. 

Es ist so unglaublich, dass ich nicht mitbekommen habe, wie der Effekt der Vereinnahmung durch die Teilnehmer verlief und welche Auswirkungen er hatte. Der Prozess lief so subtil ab, dass es für mich völlig normal und richtig war. Ohne den Abstand von einigen Tagen und der Hilfe der zwei Kolleginnen, war ich auch garnicht in der Lage ihn festzustellen. 

Diese Erfahrung lehrt mich nun, sehr genau darauf zu achten, warum ich wie reagiere und was mich in der jeweiligen Situation treibt. Ich weiß, dass, wenn ich authentisch bin, ich ein sehr guter Moderator sein kann, doch wenn ich versuche sehr gut zu moderieren und meine Authentizität verliere, schlimme Dinge passieren können. Daher will ich authentisch sein. Immer.