Monatsarchiv: November 2013

Scrum funktioniert bei uns nicht – oder: wie wir ein Millionenprojekt retteten

Ich höre es immer wieder. Dieser eine Satz lässt mich nicht los. Bei Training, bei Workshops, bei Diskussionen an der Kaffeeküche und bei Vertriebsgesprächen: Scrum funktioniert bei uns nicht! Boom! Damit ist die Diskussion tot, der Gegenüber auf seiner Position verharrt und unwillig, weiteren Argumenten Beachtung zu schenken. Scrum funktioniert bei uns halt nicht.

Früher in der Beratung

Seit einiger Zeit erzähle ich dann immer eine Geschichte. Eine, aus meiner Zeit bevor ich Coach wurde. In der ich Projektarbeit gemacht habe und dieser ganze Hype um Scrum und Agil noch nicht Mainstream war. Ich war damals in der Beratung für Softwareentwicklung – Kunden holten uns, wenn sie ein Projekt nicht mit den eigenen Leuten stemmen konnten.
Eines Tages lag eine neue Anfrage auf unserem Tisch: Migration eines Altsystems in ein neues Verfahren bei einer Bundesbehörde. Das Projekt klang abenteuerlich: innerhalb weniger Monate sollten wir ein Verfahren abgelösen, migrieren und an einem festgelegten Stichtag einführen. Umfang ein paar hunderttausend Euro (dachte man). Die erste Phase des Projekts (intern abgewickelt) bereits Monate aus dem Plan, die mitgelieferte Spezifikation war weder leichtgewichtig noch konsistent und die Technologie Neuland für die internen Entwickler. Kurzum, das Projekt war bereits bei der Ausschreibung too late.

Waren wir radikaler!

Die einzige Chance die wir sahen: radikales Vorgehen. Wir führten Scrum ein. Naja, eigentlich „führten“ wir es nicht ein, vielmehr übernahmen wir mit Scrum einfach das Projekt. Wir waren schließlich keine Coaches damals, wir wollten für den Projekterfolg sorgen. Festgesetzte Regeln standen dem Projekterfolg im Wege und wir schafften diese radikal ab. Wir hatten das Glück, dass das Projekt bis hoch zu einem Minister bekannt war und wir diesem so alles unterordnen konnten.
Mit Auftragsbeginn haben wir gesagt, der Termin ist unhaltbar, doch das war egal: der Termin musste gehalten werden. Wir haben ca. 80% des Scopes reduziert und der Termin war immer noch unhaltbar. Das war immer noch egal. Wir haben die nichtfunktionalen Anforderungen reduziert und weiterhin gab es keine realistische Möglichkeit das Projekt in time abzuschließen.
Wenige Wochen vor Projektende gab dann schließlich der Lenkungsausschuss nach und gestand ein, dass das Projekt nicht im vorgesehenen Zeit- und Budgetrahmen durchführbar war. Wir hatten alle Optionen ausgeschöpft und auch die reduzierte Version des Projekts war im gegebenen Rahmen nicht realisierbar. Die Gegenstellen, die unseren Webservice auf Kundenseite anschließen mussten, brauchten nur Stunden um nach unserer Ankündigung ebenfalls die Reissleine zu ziehen und einzugestehen, dass sie kaum etwas hatten.

Und es funktionierte doch!

Doch das Projekt war damit nicht vorbei. Im Gegenteil: es war lebendiger denn je. Wir hatten nämlich zum Zeitpunkt des Scheiterns nicht nichts, sondern einen Teil der Funktionalität produktionsreif umgesetzt. Wir hätten also in Produktion gehen können, nur eben in einem erheblich kleinerem Masse als geplant. Und das war die Wende. Wir haben mit unserer radikalen Art die minimale Dauer gefunden, die die Anforderungen benötigten. Es gab kurzfristig keine Möglichkeit, daran etwas zu ändern. Es war die untere Schallgrenze, die wir stets durch laufende Software beweisen konnten.
Mit diesen Erfolgen im Rücken und dem Vertrauen des Managements in unsere Arbeit war der Rest fast zu einfach: TDD, Pair-Programming, Product-Owner-vor-Ort, automatisierte Tests, Probe-Livegang, Produktion, Regelbetrieb. All dies konnten wir mit der Überzeugung “Das hilft dem Projekt!” einführen. Dem Ziel ordneten wir alles unter, Regeln und Konventionen warfen wir über Bord und Veränderungen führten wir ein, wenn wir sie brauchten.
Es war ein harter Kampf bei dem wir viel Lehrgeld bezahlt haben. Wir waren nicht immer nett und heute, als Agiler Coach, würde ich Einführungen auch nicht mehr unbedingt so machen.

Probier es doch auch!

Wenn ich aber höre “Bei uns funktioniert Scrum nicht!” dann denke ich immer wieder an unser Projekt von damals und sage leise: “Du hast es nur noch nicht genügend probiert!

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