Viva la revolution – wie viel Revolution braucht das (agile) Land?

Veränderung liegt in der Luft. So wie jetzt kann es nicht weiter gehen. Das letzte Projekt lief mehr als schief und hat uns viele Nerven gekostet. „Change!“ – das ist was wir jetzt brauchen.

Agile Methoden weisen einen vielversprechenden Weg und Scrum ist einer ihrer prominentesten Vertreter. Viele Firmen sind erfolgreich damit; das wollen wir auch. Wir laden verschiedene Coaches ein um den zu finden, der am Besten zu uns passt. Ja, das ist ein guter Weg. Wir haben ihn gefunden. Es kann losgehen! Wir machen jetzt Scrum…

So oder so ähnlich entstehen wahrscheinlich viele Coaching-Einsätze für Veränderungsprojekte bei Kunden. Der Kunde hat einen Schmerz, sucht nacht einer Lösung, findet diese und sucht jemanden, der ihm hilft diese Lösung umzusetzen. Doch was passiert wenn die Lösung nicht unbedingt die einzige und im Zweifel sogar eine schwer umsetzbare ist? In dieser Situation befand ich mich gestern.

Der Kunde hat viel über Scrum gehört und wollte das gerne für sich umsetzen. Allerdings hat er dafür eine sehr ungünstige Ausgangslage: Das Entwicklungsteam (sofern man hier überhaupt von „Team“ sprechen kann) besteht aus Einzelpersonen von verschiedenen Dienstleistern über ganz Deutschland verteilt. Gräben erschweren die Kommunikation zwischen denjenigen die die Anforderungen stellen und dem Umsetzungsteam. In diesem Graben sitzt eine Abteilung, deren Aufgabe es ist, zu Vermitteln. Druck von verschiedenen Seiten, unklare Prioritäten und teilweises Helikopter-Management erschwerten die Ausgangslage zusätzlich. Kurz: klassisches Chaos! Mein Einschätzung in dieser Situation war: hier sofort Scrum einzuführen, stürzt diesen Kunden noch mehr ins Chaos. Ich wollte dem Kunden zumindest die Chance geben, einen alternativen Weg kennen zu lernen, um Veränderungen schrittweise einzuführen und stellte ihm daher Kanban vor: Evolution statt Revolution – kleine, kontrollierte Schritte statt Big Bang. Die Veränderung transparent machen, experimentieren und testen, welcher Weg gangbar ist.

Doch dann, am Ende des ersten Tages: Aufschrei! Aufstand! Revolution! „So kleine Schritte, da kommen wir ja nie an“, „Wir brauchen mehr Revolution“, „Wir müssen jetzt was ändern, bevor es zu spät ist“. Es waren nur einige Stimmen im Workshop, aber sie waren laut – und brachten mich zum Nachdenken: ist das der richtige Weg? Sollten wir nicht doch Scrum machen? Oder was ganz anderes? Wie können wir am Ende des zweiten Tages ein Ergebnis haben mit dem der Kunde seine Reise in die agile Welt starten kann? Ich war verunsichert und brauchte Hilfe!

Zum Glück war Jens Coldewey noch da und ich schilderte ihm mein Problem. Wir diskutierten verschiedne Optionen, überlegten uns Spiele und testeten Varianten, mit denen es möglich sein könnte, den Teilnehmern die Vorteile kleiner Schritte gegenüber großen Veränderungen näher zu bringen. Und dann kam Jens mit der entschiedenen Idee: die Revolutions-Podiumsdiskussion!

Nicht alle Teilnehmer waren ja für die Revolution, es gab auch Befürworter der kleinen Schritte. Die Idee war nun die beiden Parteien dazu zu bekommen, miteinander zu diskutieren, die unterschiedlichen Positionen transparent zu machen und eventuell eine Annäherung zu erreichen.

Das Podium besteht aus zwei Stühlen, auf denen sich Pro- und Contra-Seite gegenüber sitzen. Ein dritter „Auswechselstuhl“ dient dazu, andere Personen in die Diskussion zu bringen. Ich als Moderator schreibe die Keywords auf Flipchart mit.

Die Diskussion hab ich eingeleitet mit dem Gravity-Game (heißt das überhaupt so?), das ich kurz vorher mit Sven Tiffe auf dem Agile Tuesday angerissen habe und in dem ich die Teilnehmer auf die Fragestellungen der Diskussion vorbereitete. Dann gings los! Und es war wunderbar! Eine sehr lebhafte Diskussion mit wechselnden Rollen, viel Austausch, Streit, auf-einander-eingehen, Verständnis, Relativierung und schließlich der Erkenntnis, dass kleine Schritte auch relativ sein können, und Revolution nicht unbedingt heißt, einmalig etwas zu verändern und dann stehen zu bleiben. Kurz: es war eine fantastische Methode, die Gruppe selbst zu einer Lösung _meines_ Dilemmas zu bringen. Mein Tag war gerettet und ich konnte entspannt in den zweiten Tag starten in dem ich die Gruppe in eine Revolution mit kleinen Schritten führte. Es hat sich gut angefühlt und die Teilnehmer haben ihren Weg der Veränderung gefunden.

Warum ich das alles hier aufschreibe und euch zur Verfügung stelle ist: es gab einen Punkt an dem ich unsicher war, ob ich als Coach zu viel Einfluss nehme auf das Team (indem ich ihnen etwas komplett anderes aufzeige) und die Befürchtung hatte, der Weg wird nicht vom Team mitgetragen. Die dann wie beschrieben geführte Diskussion ohne meine Einmischung hat das Team dazu gebracht, über die Alternativen zu reflektieren und seinen Weg zu finden. Ich frage euch daher: wie wärt ihr in dieser Situation verfahren und welches Feedback gebt ihr mir zu meiner Handlungsweise?

Ich danke euch für die Aufmerksamkeit:)

/Chris

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